KI-Kompetenzen III
Neu sortiert und zum ersten Mal getestet.

Im zweiten Teil dieser Serie habe ich einen Arbeitsstand vorgestellt, und wie das mit Arbeitsständen so ist, hat er nicht ewig gehalten. Gut zwei Monate, dann sah das Modell an einer Stelle anders aus, an der ich es nicht erwartet hätte.
Kompetenzen nach Themen zu sortieren, ist nämlich verführerisch bequem. Themen lassen sich benennen, gegeneinander abgrenzen und in eine Grafik schreiben, und am Ende hat man eine Übersicht, die nach Ordnung aussieht (was ja erstmal nett, aber nicht sonderlich hilfreich ist). Beziehungen sind da deutlich sperriger, weil sie sich nicht auflisten lassen, sondern beschrieben werden müssen. Genau deshalb landen so viele Modelle bei einer thematischen Gliederung, meines natürlich auch. Bei mir hießen die Bereiche “KI-Anwendungen nutzen” und “KI-Systeme verstehen und gestalten”, ordentlich sortiert, ein paar Absätze nachdem ich anderen Modellen genau das vorgeworfen hatte (danke an mich selbst für nichts).
An meiner Grundidee für das Modell hat sich jedoch nichts geändert. Der Mensch gehört ins Zentrum, nur braucht es dafür eben eine andere Ordnung als die, die ich im April hatte. Also habe ich das Modell neu gedacht, diesmal konsequent relational statt thematisch. Die vier Bereiche beschreiben jetzt Beziehungstypen zwischen Mensch und KI. Der Mensch interagiert mit einer KI, er konstruiert eine KI, er reflektiert sie und er reguliert sie. Was dabei entsteht, sind keine Schubladen für Inhalte, sondern Blickrichtungen, aus denen ein Mensch einer KI gegenübertritt.
Die vier Kompetenzbereiche in Kurzfassung.
- Interaktion meint den souveränen Umgang mit fertigen KI-Anwendungen, also alles, was im Arbeitsalltag unmittelbar zum Tragen kommt, ohne dass man ins System selbst eingreift.
- Konstruktion umfasst das Entwickeln und Bereitstellen eigener KI-Lösungen, von den Daten bis zum Betrieb, ob programmatisch oder mit No- und Low-Code-Mitteln.
- Reflexion steht für die kritische Auseinandersetzung mit Ergebnissen, Grenzen und Folgen von KI, auch mit dem Blick nach innen, also der Frage, was ihr Einsatz mit einem selbst macht.
- Regulation beschreibt den rechtlichen und organisatorischen Rahmen, von DSGVO, AI Act und Urheberrecht bis zu Governance und wissenschaftlicher Integrität.
In jedem dieser Bereiche stecken die einzelnen Kompetenzen, also das, was jemand am Ende wirklich können soll. Und weil “können” ein ziemlich dehnbarer Begriff ist, hat jede davon noch drei Niveaustufen, die von Wissen und Verständnis über Anwendung und Analyse bis zu Synthese und Beurteilung reichen. Wer den letzten Post noch im Kopf hat, erkennt hier die Idee mit den Tupeln aus der Bloomschen Taxonomie wieder (manchmal überlebt eine Idee eben doch die nächste Iteration).
So weit die Theorie. Ein Modell, das nur in meinem Kopf und in ein paar Dateien existiert, ist allerdings wenig wert. Also musste es das erste Mal auf den Prüfstand.
Zwei Dinge waren dafür nötig. Erstens ein Weg, das Modell für andere zugänglich zu machen. Aus der Idee ist deshalb eine interaktive Web-App geworden, in der man sich durch Bereiche, Kompetenzen und Niveaustufen klicken kann. Gebaut habe ich sie per Vibecoding, und für ein Tool, das ein paar Kreissegmente anzeigt und auf Klicks reagiert, reicht das allemal (es ist ja nun mal auch keine Produktionssoftware). So konnten alle Teilnehmenden über den Laptop oder das Handy darauf zugreifen, statt sich durch ausgedruckte Tabellen zu arbeiten (ja, Handy und nicht Smartphone, mein Wortschatz hat an der Stelle nie ein Update bekommen).
Zweitens brauchte es Menschen, die nicht seit Wochen in diesem Modell stecken. Irgendwann wird man betriebsblind, und zwar auch bei Dingen, bei denen man sich sicher ist, dass einem das nicht passiert. Genau dafür haben Gunnar und ich einen halbtägigen Workshop mit der AG KI aus dem Fachbereich Wirtschaft gehalten. Das ist eine Gruppe Interessierter, die sich Gedanken darüber macht, was KI mit ihrem Studiengang anstellt, uns positiv zugewandt und angenehm meinungsstark.
Die Grundausstattung durfte natürlich nicht fehlen, also Stellwände, Stifte und Klebezettel, denn ohne die ist es kein richtiger Workshop. Das weiß jeder, der schon einmal einen mehr oder weniger nervigen Workshop im Konzernleben überstanden hat. Dazu Snacks, Nervennahrung und Kaffee (bei Aufregung vermutlich nicht die klügste Wahl, aber ohne Kaffee geht es nun einmal auch nicht).
Der Workshop war produktiv und ehrlich gesagt auch ziemlich anstrengend. Es gab viele gute Einwände, anregende Diskussionen, ein paar Missverständnisse und an einigen Stellen schlicht unterschiedliche Auffassungen darüber, wo eine Kompetenz eigentlich hingehört. Am Ende hatten Gunnar und ich mehrere Seiten Notizen beisammen, die das Modell an vielen Stellen präziser machen werden. Ich war danach ziemlich durch und gleichzeitig ziemlich zufrieden, denn genau dafür macht man so etwas. Ein Modell, das einen halben Tag Diskussion unverändert übersteht, wäre mir deutlich unheimlicher gewesen (mal gucken, ob die Aussage altert wie Wein oder Milch).
Im kommenden Wintersemester gibt es einen Folgetermin mit der AG KI, und ich bin jetzt schon gespannt, was sie zur überarbeiteten Fassung sagen werden. Die Klebezettel sind schon eingeplant. Und da die BWLer mit ihrer Arbeitsgruppe an der HsH nicht allein sind, wollen wir noch einige weitere Gruppen besuchen und das Modell Runde für Runde nachschärfen.
Fertig wird es dabei nicht. Das Modell ist ein lebendiges Dokument und soll es auch bleiben, denn die Welt hört ja nicht auf, sich zu drehen, nur weil ich gerade eine schöne Version abgespeichert habe. Insofern gehe ich stark davon aus, dass ich im vierten Teil dieser Serie wieder erklären darf, warum der letzte Arbeitsstand eben nur ein Arbeitsstand war.
Viele Grüße
DD